Thermografie und Blower-Door-Test im Mehrfamilienhaus 2026: Wärmebrücken und Leckagen finden, Kosten, Förderung und WEG-Praxis
Wärmeverluste sichtbar machen: Warum sich der Blick auf die Gebäudehülle jetzt lohnt
Steigende Energiekosten, die CO2-Kostenaufteilung zwischen Vermieter und Mieter und die anstehenden Sanierungspflichten haben eine Frage in den Mittelpunkt gerückt: Wo genau verliert ein Mehrfamilienhaus seine Wärme? Der Energieausweis liefert dazu nur Durchschnittswerte, die Heizkostenabrechnung zeigt lediglich das Ergebnis. Zwei Messverfahren schaffen Klarheit: Die Gebäudethermografie macht Temperaturunterschiede an der Gebäudehülle mit einer Infrarotkamera sichtbar, der Blower-Door-Test misst, wie luftdicht ein Gebäude oder eine Wohnung tatsächlich ist. Beide Verfahren sind vergleichsweise günstig, liefern innerhalb weniger Stunden belastbare Ergebnisse und bilden die Grundlage für gezielte Sanierungsentscheidungen, statt auf Verdacht zu investieren.
Was eine Gebäudethermografie zeigt und was sie nicht kann
Eine Wärmebildkamera erfasst die Infrarotstrahlung, die jede Oberfläche abgibt, und übersetzt sie in ein Falschfarbenbild. Bei der Außenthermografie erscheinen warme Stellen der Fassade, also Bereiche mit hohem Wärmeverlust, in Rot und Gelb, gut gedämmte Flächen in Blau und Violett. Typische Befunde im Mehrfamilienhaus sind auskragende Balkonplatten ohne thermische Trennung, ungedämmte Rollladenkästen, Heizkörpernischen, Fensterlaibungen, Deckenstirnseiten und Attiken sowie Fehlstellen in einem nachträglich angebrachten Wärmedämmverbundsystem. Die Innenthermografie zeigt spiegelbildlich die kalten Stellen: Ecken, Anschlüsse und Fensterrahmen, an denen die Oberflächentemperatur so weit absinkt, dass Feuchtigkeit kondensieren und Schimmel entstehen kann.
Wichtig sind die Grenzen des Verfahrens. Thermografie misst Oberflächentemperaturen, keine U-Werte und keine Dämmstärken. Sonneneinstrahlung, Reflexionen von Glasflächen und Metall, feuchte Fassaden oder unterschiedliche Materialien verfälschen das Bild. Eine seriöse Aufnahme folgt deshalb der DIN EN 13187 und wird von qualifizierten Thermografen mit dokumentierten Randbedingungen erstellt. Ein einzelnes buntes Bild ohne Temperaturskala, Messbedingungen und Interpretation hat weder für die Eigentümerversammlung noch vor Gericht Aussagekraft.

Der richtige Zeitpunkt: Kälte, Dunkelheit und ein beheiztes Gebäude
Thermografie funktioniert nur, wenn ein deutlicher Temperaturunterschied zwischen innen und außen besteht. Fachleute verlangen in der Regel mindestens 10 bis 15 Kelvin Differenz, und das Gebäude sollte seit mehreren Tagen normal beheizt sein. Die Aufnahmen entstehen deshalb in der Heizperiode, meist zwischen November und März, und zwar nachts oder in den frühen Morgenstunden, bevor die Sonne die Fassade erwärmt. Trockene, windstille Witterung ist ideal; Regen, Nebel und Schnee auf der Fassade führen zu Fehlmessungen.
Für Eigentümergemeinschaften und Vermieter heißt das: Der Herbst ist der richtige Zeitpunkt, um den Auftrag zu vergeben, Termine mit den Bewohnern abzustimmen und den Zugang zu den Wohnungen für Innenaufnahmen zu organisieren. Wer die Thermografie mit einer Objektbegehung oder einer Energieberatung kombiniert, spart Anfahrtskosten und erhält ein rundes Bild vom Zustand des Gebäudes.
Blower-Door-Test: Luftdichtheit messen statt schätzen
Beim Blower-Door-Test wird ein Ventilator luftdicht in eine Außentür oder ein Fenster eingebaut. Er erzeugt abwechselnd Unter- und Überdruck von 50 Pascal, was etwa einem Wind der Stärke 5 entspricht. Aus dem Luftstrom, den der Ventilator fördern muss, um diesen Druck zu halten, ergibt sich der Luftwechsel n50: Er gibt an, wie oft das gesamte Luftvolumen pro Stunde durch Undichtigkeiten ausgetauscht wird. Das Verfahren ist in der DIN EN ISO 9972 geregelt. Für Neubauten gelten seit Jahren Grenzwerte von 3,0 pro Stunde ohne und 1,5 pro Stunde mit Lüftungsanlage; Passivhäuser erreichen 0,6.
Im Bestand gibt es keine gesetzliche Pflicht zur Messung, aber gute Gründe dafür. Während der Unterdruck ansteht, lassen sich Leckagen mit Rauch, Anemometer oder in Kombination mit der Wärmebildkamera exakt orten: undichte Fensterfugen, Steckdosen in Außenwänden, Rohrdurchführungen, Dachanschlüsse und Bodenluken. Nach einem Fensteraustausch oder einer Dachsanierung dient die Messung als Qualitätskontrolle vor der Abnahme, denn nachträgliche Nachbesserungen an der Luftdichtheitsebene sind später kaum noch möglich. Wer eine kontrollierte Wohnraumlüftung plant oder eine Förderung als Effizienzhaus anstrebt, kommt an der Luftdichtheitsmessung ohnehin nicht vorbei.

Typische Schwachstellen im Mehrfamilienhaus
Gebäude der Baujahre 1950 bis 1980 zeigen fast immer dasselbe Muster: Durchbetonierte Balkonplatten wirken wie Kühlrippen und ziehen Wärme aus dem Wohnraum, was innen zu kalten Ecken und Schimmel an Balkontüren führt. Rollladenkästen sind häufig völlig ungedämmt, Heizkörpernischen bestehen nur aus wenigen Zentimetern Mauerwerk, und die Kellerdecke fehlt in der Dämmung oft ganz. Bei Gründerzeitbauten sind es die Fensterlaibungen, alte Kastenfenster und die Anschlüsse des Daches an die Traufe, die im Wärmebild leuchten.
Auch die Haustechnik wird sichtbar: Ungedämmte Verteil- und Zirkulationsleitungen im Keller, ungleichmäßig warme Heizkörper als Hinweis auf einen fehlenden hydraulischen Abgleich oder Leckagen einer Fußbodenheizung lassen sich mit der Kamera lokalisieren, ohne Böden oder Wände zu öffnen. In der Elektrothermografie werden überhitzte Klemmen und Sicherungen im Zählerschrank erkannt, bevor daraus ein Brand entsteht.
Kosten, Förderung und Beschlussfassung in der WEG
Die Kosten hängen von Gebäudegröße, Umfang und Auswertung ab. Eine Außenthermografie mit dokumentiertem Bericht beginnt bei kleineren Objekten bei etwa 300 bis 500 Euro; für ein größeres Mehrfamilienhaus mit Innenaufnahmen in mehreren Wohnungen und einer schriftlichen Auswertung sind 800 bis 1.500 Euro realistisch. Ein Blower-Door-Test kostet je nach Anzahl der zu messenden Einheiten etwa 300 bis 600 Euro pro Wohnung oder wenige tausend Euro für ein ganzes Gebäude, das mit mehreren Ventilatoren gemessen wird. Wird die Messung als Bestandteil einer geförderten Energieberatung mit individuellem Sanierungsfahrplan oder als Fachplanung und Baubegleitung im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude beauftragt, übernimmt der Bund einen Teil der Kosten.
In der Eigentümergemeinschaft ist die Beauftragung eine Maßnahme der ordnungsmäßigen Verwaltung, die mit einfacher Mehrheit beschlossen wird; kleinere Aufträge kann die Verwaltung im Rahmen des Wirtschaftsplans auch selbst vergeben. Die Kosten werden nach dem allgemeinen Kostenverteilungsschlüssel umgelegt und aus dem laufenden Hausgeld oder der Erhaltungsrücklage bezahlt. Für Innenaufnahmen müssen Eigentümer und Mieter den Zutritt zu ihren Wohnungen dulden, sofern die Termine rechtzeitig angekündigt werden. Vermieter können die Kosten einer Thermografie nicht als Betriebskosten umlegen, aber als Werbungskosten steuerlich geltend machen.
Thermografie als Beweismittel: Schimmel, Mietminderung und Abnahme
Beim Dauerstreit um Schimmel steht meist die Frage im Raum, ob eine bauliche Wärmebrücke oder falsches Heiz- und Lüftungsverhalten die Ursache ist. Eine dokumentierte Innenthermografie mit Oberflächentemperaturen und Raumklimadaten liefert dafür objektive Anhaltspunkte und kann eine teure gerichtliche Beweisaufnahme vermeiden oder gezielt vorbereiten. Ebenso dient das Wärmebild als Abnahmekontrolle nach einer Fassadendämmung: Fehlstellen, offene Plattenstöße und Wärmebrücken an Dübeln werden sichtbar, solange der Handwerker noch in der Gewährleistung steht.
Die Rolle der Hausverwaltung
Die Verwaltung koordiniert das gesamte Verfahren: Sie holt Vergleichsangebote qualifizierter Anbieter ein, prüft Referenzen und Messprotokolle, organisiert Termine und Zutritt, informiert die Bewohner und sorgt dafür, dass die Ergebnisse nicht in der Schublade verschwinden. Aus dem Thermografiebericht und dem Luftdichtheitsprotokoll entsteht eine priorisierte Maßnahmenliste, die in den Erhaltungsplan der WEG und in den Wirtschaftsplan einfließt.
Eine professionelle Hausverwaltung nutzt Thermografie und Blower-Door-Test nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug für nachvollziehbare Entscheidungen: Sie zeigt den Eigentümern, wo jeder investierte Euro die größte Wirkung entfaltet, sichert die Qualität von Sanierungsmaßnahmen und schafft die Datengrundlage, mit der sich Förderanträge, Sanierungsfahrpläne und die Kommunikation mit Mietern sachlich führen lassen. Wer die Gebäudehülle kennt, saniert gezielter, günstiger und mit weniger Streit.
Bildquellen: Titelbild © Imad Clicks / Pexels · Bild 1 © Steve Whitelok / Pexels · Bild 2 © Charles Parker / Pexels



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